Zwischen Himmel und Erde

Petra Kaiser suchte den Weg nach Freiheit und Anerkennung. Wertschätzung wird zum wertvollen Gut im täglichen Alltagstrott. Sie hat den Weg gefunden. Ganz oben in den Schweizer Bergen entdeckt sie auf einer Alp das Lebenselixier zum Glück. Nicht nur fürs Leben – auch für die Liebe.

Petra Kaiser
Petra Kaiser

Das ständige Läuten der Kuhglocken raubte mir anfangs den Schlaf. Dass ich mich im Laufe eines Sommers einmal daran gewöhnen könnte, gar diesen Klang vermissen würde, lag in weiter Ferne meines Vorstellungsvermögens. Hier oben auf der Alp, mitten in den Schweizer Bergen am Klausenpass, ist das Glück für mich so greifbar nahe, wie die Sterne in den klaren Nächten. Doch dieses Glücksgefühl musste hart erarbeitet werden. Hatte ich mich doch zu einem Arbeitssommer auf einer Alp entschieden. Kühe melken, Käsen und sämtliche Arbeiten rund um die Sennerei sind ein harter Job. Rund sechs Monate vom Urner Boden über den Klausenpass hinauf auf die Alp auf knapp 1700 Meter Höhe. Das war mein erklärtes Ziel – und ich hatte es erreicht!

Freiheit heißt Kühe melken und die Abkehr vom täglichen Bürostress. Ein harter Job. Doch der Lohn definiert sich über das gewonnene Selbstwertgefühl.

Was treibt einen zu einer solchen Entscheidung? Welche Gedanken spielen sich im Kopf ab, um eine solche Idee in die Tat umzusetzen? In meinem Fall war es die Abkehr vom ehelichen Leben und der daraus resultierenden Trennung hin zur Suche nach mehr Freiheit und Anerkennung. Frei sein – was heißt das eigentlich? Sich fallen lassen können und den Weitblick am Horizont vergessen. Kein Planen für das Morgen. Das tun, was Spaß macht, einen erfüllt und dem Menschen mehr Selbstwertgefühl gibt.

kuhglocken

Als ich meinem Bruder damals den Gedanken zu diesem Ausstieg erzählte war er sofort Feuer und Flamme. Begeistert und voller Euphorie, plante ich nun diesen Schritt. Einen Schritt den er insgeheim gerne tun würde, davon träumte. Ich setzte ihn um. Minutiös und akribisch – ganz wie der Ablauf meiner bisherigen Arbeitstage im Geschäft mit meinem Mann sonst verlief – vollzog ich die Übergabe der Buchhaltung sowie der organisatorischen Unterlagen. Eine Tür fiel hinter mir zu – ganz leise und ohne großes Brimborium.
kuhDann, im Mai 2012 war es so weit. Ich packte meine wichtigsten Kleidungsstücke für den Aufenthalt in den Bergen zusammen und verstaute sie im Auto. 280 km Richtung Süden in der Schweiz lag mein neues Zuhause für die kommenden Monate. Nicht mehr Pumps waren angesagt sondern Gummistiefel und wetterfeste Jacke. Schminke und Lippenstift blieben ebenso zurück wie die Gedanken an den bisherigen Alltag.

Fortan hieß es Kühe hüten und melken. Schwere Milchkübel schleppen, das Melkgeschirr waschen und Käse waschen.

Ruhe und Ausgeglichenheit prägen den Alltag zwischen den Menschen auf Wannelen. Das Leben auf der Sonnenseite verläuft stressfrei.

Der Empfang am Urnerboden war überwältigend. Nette, sympathische Menschen schlossen mich alsbald in Ihr Herz und zogen mich mit ihrer Ausstrahlung in ihren Bann. Franz der Senn und Vreni seine langjährige Magd waren ein Herz und eine Seele. Und schon bald gehörte ich dazu. War mittendrin.
stubeAufstehen um vier Uhr morgens und die Kühe zum Melken vorbereiten war sicher nicht leicht. Als passionierter Frühaufsteher konnte mir diese Arbeit kein Murren entlocken. „Spaß an der Arbeit“ lautet die Devise hier auf der Alp. Kein Platz für schwache Gemüter, launige Gesellen oder Menschen die der Natur nichts abgewinnen können. Als Dank winkt Wertschätzung. Ein wertvolles Gut, das im Trott des Lebens und Berufs bei den meisten verlorengegangen ist. Hier wird es einem plötzlich wieder zu Teil. Man ist wieder wer. Spürt sich und den Nächsten wieder als Ganzes. Leben in seiner schönsten Form.

alp

Gelernt habe ich auf der Alp in Wannelen in den wenigen Monaten sehr viel. Nicht nur Erfahrung. Pragmatismus bestimmt das Leben hier oben auf dem Berg. „Überleben auf der Sonnenseite“ so das Credo zwischen Kühen und Abgeschiedenheit. Sich auf den anderen verlassen können und gleichzeitig nicht allein gelassen zu sein definiert die zarte Linie zwischen den Lebenslinien im stressgeplagten Alltag unten im Tal und dem Leben hier nahe dem Himmel.

berge

Apropos Lernen. Heute kenne ich die wertvollen Rohstoffe aus denen der traditionelle Schweizer Käse, genannt Mutschli, hergestellt wird. Welch sachkundige Hände die Zubereitung erfordert. Warum eine Kuh zwei Mal gemolken werden muss. Oder warum sich die Hänge mit dem saftigen Gras auch wieder erholen müssen um nachzuwachsen.

kaeseUm all diese Werte zu erfahren und zu verinnerlichen bedarf es einer mentalen Akklimatisierung. Kein stupider Job. Nein Hingabe prägt die Arbeit auf der Alp. Profanes Wissen. Etwa wie eine Kuh sich beim Melken verhält, warum man das Euter vorher mit Holzwolle reinigt, oder wieso beim Käsen die Milch auf einer bestimmten Temperatur gehalten werden muss. 33 Grad bestimmen die Käsequalität. 650 Liter Milch sind auf Wannelen für Franz den Senn wertvoller als vielleicht eine Hand voll Gold. Sein Herzblut steckt in der Zubereitung der Mutschli. Man spürt es, man schmeckt es am Ende des Reifeprozesses des Käses.

Käseverkauf auf dem Urnerboden. Zeit um sich zu finden gibt es im Überfluss. Ein Reifeprozess ohnegleichen.

Ende August ziehen wir mit den 29 Kühen wieder zurück über den Klausenpass auf den Urnerboden. Hier sind die Wiesen inzwischen wieder saftig. Auf den hinteren Hütten wird der Käse bis Ende Oktober verkauft.

kuehe

Allein und auf mich gestellt bin ich dort direkt an der Passstraße und biete die Mutschli Tag für Tag an. 17 Schweizer Franken pro Laib. Neben der Hütte weht die Schweizer Flagge im Bergwind. Hier oben auf der größten Schweizer Alp mit insgesamt 1200 Kühen ist das Leben karg und manchmal einsam. Zeit um sich finden. Ich hatte genug davon.
Mit Wehmut trete ich im Herbst den Rückweg an. Frei im Kopf und psychisch stärker denn je. Das Thema Alp bleibt im Gehirn verankert. Ganz tief. So tief, dass ich mit meinem Partner ein Jahr danach wieder dort war. Nicht nur um diese Erfahrungen zu teilen, sondern ein Lebensgefühl zu vermitteln, es weiterzugeben. An Menschen, die es verstehen und das Gewonnene aufsaugen wie ein Schwamm. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem man dieses gespeicherte Lebenselexier wieder frei lässt. Es nährt uns. Allein der Gedanke hält uns am Leben.

Auszeit – Alpzeit!