Freiheit ohne Grenzen

Urlaub in Kanada – lange ist der Gedanke für diese Reise in unseren Köpfen greift. Im Juni 2017 haben wir diese Tour in die Tat umgesetzt und sind nach Edmonton in Alberta geflogen. Nicht ganz ohne festes Ziel. Im Mittelpunkt unserer Reise stand der Besuch unserer Freundin Sylvia Martinetz auf der Lone Pine Ranch. Vor gut 30 Jahren ausgewandert betreibt sie heute auf ihrem Anwesen in der Nähe von Wildwood eine Rinderzucht der besonderen Art.

 

Petra Kaiser (links) und Sylvia Martinetz.
Jürgen Gutmayr und Petra Kaiser.

Immer wieder haben wir davon geträumt, doch lange war eine Reise nach Kanada für uns ein klein wenig Illusion und Tagträumerei. Doch als unsere Freundin Sylvia Martinetz, die vor knapp drei Jahrzehnten von Kaufering nach Kanada übersiedelte, im September 2016 einen ihrer seltenen Besuche in ihrer ursprünglichen Heimat machte, wurden die Details zusehends transparenter. Kurzum wurde ein Zeitfenster festgelegt und die Flüge gebucht. Nun gab es kein Zurück mehr.

Mit dem Ford F150 auf dem Yellowhead Highway am Athabasca River.

 

Mit reichlich Literatur beladen, machten wir uns Monate vorher auf virtuelle Erkundungstouren. Kanada ist mit knapp 10 Millionen Quadratkilometern nach Russland das zweitgrößte Land auf dem Globus ist. Wer hätte das gewusst? Doch trotz Google-Maps und dem Studieren so mancher Karten im Vorfeld wurden wir bei der Ankunft vor Ort überrascht. Seen, als kleine blaue Flecken auf der Karte verzeichnet, entpuppten sich in der Realität so groß wie der Chiemsee. Angegebene Ortschaften hingegen als kleine Ansammlungen von Häusern. Kanada eben. Hier ist manches nicht so wie es auf den ersten Blick erscheint.

Ein Teil der Rinderherde von Sylvia Martinetz.

Doch von Anfang an. Mit Icelandair starteten wir Anfang Juni 2017 von München nach Keflavik auf Island. Nach einem sehr kurzen und äußerst abenteuerlichen Zwischenstopp – unser Flug hatte reichlich Verspätung – erreichten wir noch den Anschlussflug nach Edmonton. Nach rund 14 Stunden Reise landeten wir am Airport Edmonton, wo uns Sylvia bereits sehnsüchtig erwartete.

Zwei Zuchtbullen auf der Ranch.

Und los ging es mit ihrem weißen Pickup-Truck und Hündin Cassy auf dem Yellowhead Highway 16 Richtung Westen. Unsere ersten Eindrücke waren überwältigend. Der Airport war kleiner als erwartet. Die Straßen riesiger als gedacht und zudem kerzengerade bis zum weiten Horizont. Und der Verkehr entspannend, einfach entschleunigt. Kein Hupen, kein Drängeln auf dem Highway. Hier tickt die Uhr gefühlt anders als in Germany. Wir lieben Kanada!

Im Galloway-Station Museum in Edson.

Nach einer eineinhalbstündigen Fahrt vorbei am Wabamun Lake und Entwistle erreichten wir kurz hinter Wildwood, südlich vom Chip Lake die Einfahrt zu Sylvia`s Domizil direkt am Highway 16. Eine große blaue Tafel „Lone Pine Ranch – Bed and Breakfast and Bale“ weist den Weg. Abbiegen auf der linken Spur des Highways – kein Problem hier in Kanada. Blinker setzen und rüber geht es, quer über die zweite Spur des Highways zur Ranch. Kurz hinter den Straßen und dem Railway beginnt quasi die Wildnis. Hier lebt also Sylvia seit 1999 und hat sich ein beachtliches Zuhause mit sechs weiteren Blockhäusern, so genannten Lodges, geschaffen. Eingerahmt von einer eingezäunten Weidefläche, sehen wir einen kleinen Teil der Rinder.

Gut 150 Cattles, darunter auch Black Angus Rinder mit Jungtieren, leben hier. Hinter dem Hügel sind noch mehr. Ach ja, die Lone Pine Ranch ist groß, sehr groß. Damit jedoch nicht genug. Schafe, Enten, Hühner, Pferde und ein großer Emu tummeln sich auf dem weiträumigen Gelände. Nicht zu vergessen die Hunde: Diesel der Rottweiler und Border-Collie-Hündin Cassy. Unerlässlich in Kanada.

Die Lone Pine Ranch von Sylvia Martinetz und ihre beiden Hunde Cassy und Diesel (rechts).

Wir beziehen unser Domizil in einer der Blockhütten und sind sehr überrascht. Top ausgestattet mit Kühlschrank, Mikrowelle, Badezimmer und zwei großen Betten, präsentieren sich die Unterkünfte, die Sylvia vermietet fast schon als luxuriös in mitten der Wildnis. Auf der Veranda lässt es sich zudem gut entspannen – mit einem schönen Bier. Alexander Keith`s empfiehlt sich für einen verwöhnten Bayern als gut zu trinkendes Ale. Ob als Pale oder Red Ale – nur so als Tipp am Rande. Doch Vorsicht: Bier ist in Kanada relativ teuer und darf nicht in der Öffentlichkeit getrunken werden. Auch der Transport im Auto darf nur weit außer Reichweite des Fahrers erfolgen! Kanada hat sehr hohe Strafen für jegliche Vergehen.

Auf der Lone Pine Ranch gibt es insgesamt sechs wunderschöne Blockhütten mitten in der Natur.

Mit einem Zeitunterschied von acht Stunden macht sich langsam der Jetlag bemerkbar. Dennoch beschließen wir am übernächsten Tag unseren ersten Trip in die Nationalparks nach Jasper anzutreten. Wir bekommen von Sylvia ihren zweiten Truck für unsere Exkursionen zur Verfügung gestellt: einen Ford F150. Motor V8, 4,8 Liter Hubraum und Allrad 4×4. Aus Freude am Tanken. Doch hier in Kanada fahren fast alle einen solchen Truck. 20 bis 25 Liter Verbrauch bei einem Benzinpreis von rund 70 Eurocent sind akzeptabel. Wir werden das Auto in unserem Urlaub noch zu schätzen lernen.

Beliebt bei vielen Gruppen: Sylvia`s Tagungsgebäude ist gut ausgebucht. Bewirtet werden die Gäste obendrein aus der eigenen Küche.

Rund 220 Kilometer sind es von Wildwood nach Jasper. Der lange, schnurgerade Yellowhead Highway führt durch Edson, Hinton, vorbei an Miette Hotsprings entlang dem Athabasca River direkt nach Jasper. Wir hatten ganz vergessen: 150 Jahre Kanada. Im Jubiläumsjahr sind die Nationalparks kostenfrei zugänglich.

Nicht ohne Grund sind mehr Touristen und Kanadier als sonst unterwegs. Jasper präsentiert sich von der sonnigen Seite. Zahlreiche Geschäfte säumen die Hauptstraße. Alles ist hier auf die Urlauber abgestimmt. Wir erkunden den Ort und lassen uns im Park zu einem kleinen Snack nieder.

Mountainbiker mit Glöckchen am Fahrrad lassen keinen Zweifel, dass man vor Bären auf der Hut sein muss. Wir nehmen es gelassen – noch. Später vertrauen wir bei unseren Ausflügen auf Bärenspray als stillen Begleiter. Nie benötigt, aber „keep it handy“ wie es auf so manchen Warnschildern heißt. Daneben gibt es noch Pumas, die weitaus gefährlicher sein sollen. Gesehen haben wir, außer einem Wolf am Rande des Highways, kein einziges wildes Tier.

Weiter geht es zum Maligne Canyon unterhalb des Medicine Lake. Ein wenig Enttäuschung macht sich bei uns breit. Sehr viele Touristen mit Wohnmobilen, sogenannte Motorhomes, überfluten die Parkplätze. Deutsch und Japanisch sind die dominierenden Sprachen. Fast wie im Englischen Garten in München.

Das Dragonfly-Museum am Wabamun Lake.

Wir beschließen unsere geplante Weiterreise auf dem Icefields Parkway nach Banff zu canceln und machen uns auf den Rückweg nach Wildwood. Dabei haben wir die Tankuhr in unserem Truck ein wenig aus den Augen verloren. Ein fataler Fehler in Kanada, denn der Highway ist manchmal unendlich lang. Wir schaffen es im Eco-Modus gerade noch bis Edson zum Tanken und gönnen uns anschließend im Joe`s Restaurant einen schönen Burger mit Potatoes.

Das HoJo-Museum westlich von Edson ist ein Muss für jeden Oldtimer-Liebhaber.

Zurück auf der Lone Pine Ranch helfen wir Sylvia auch bei ihrem Tagesgeschäft. In ihrem Tagungsraum beherbergt sie immer wieder Gruppen von Damen, die Sticken, Nähen oder Kochkurse abhalten. Nicht zu vergessen die Rinderzucht. Die Cattles gilt es stets im Auge zu behalten, da im Sommer immer wieder Rinder auf die Welt kommen und geimpft werden müssen. Ein harter Job, da die Muttertiere ungemütlich werden können, wenn man den Jungrindern zu nahe kommt. Doch Sylivia hat alles im Griff – unterstützt von Cassy.

Sylvia Martinetz und Jakob Mathy beim Brennen der Rinder.

Beim angesagten Livestock Branding sind alle Hände gefragt. Wenn Sylvia ruft, sind auch viele Nachbarn da und helfen beim Zusammentreiben der Rinder und dem anschließenden Brennen der Tiere. Fast einen ganzen Tag dauert diese Arbeit, bei der die Cattles der Lone Pine Ranch mit ihrem Brandzeichen versehen werden. Ein „M“ mit einem lazy „S“ – einem liegenden S auf dem M ist das Zeichen von Sylvia. Anschließend werden die Tiere verladen und auf eine angemietete Nachbarweide gebracht. Hier gibt es ausreichend Futter für die nächste Zeit.

Ausflug nach Fort Edmonton.

Apropos Nachbarn. In Kanada bedeutet ein Besuch der Freunde an der Grundstücksgrenze meist eine etwas längere Fahrt über Schotterwege durch den Wald. 20 Minuten Fahrt sind an der Tagesordnung für eine Stippvisite. Entsprechend groß ist die Freude und Gastfreundschaft der Kanadier und eingewanderten Menschen in diesem Land. Wir waren immer willkommen und sind stets auf freundliche und zuvorkommende Leute getroffen.

 

Wer jetzt Lust auf Kanada bekommen hat, kann uns gerne kontaktieren oder sich direkt bei Sylvia Martinetz auf ihrer Homepage
www.lonepineranch.ca
den schönen Impressionen des weiten Landes hingeben und sich Informationen auch auf Deutsch einholen. Die Blockhäuser können übrigens direkt bei Sylvia gebucht werden. Für Exkursionen Richtung Alaska Highway, Wabamun Lake oder andere Nationalparks in Edmonton erweist sich die Lone Pine Ranch als optimaler Standort.